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Freshies nennen wir die Austauschschüler, die von ihrem Auslandsjahr zurückgekehrt sind

Caroline Otte, 2014 aus Texas zurückgekehrt

Wenn ich mein Auslandsjahr in einem Satz zusammenfassen sollte, dann wäre das "Who would have thought?"

Wer hätte das gedacht? Wer hätte gedacht, ich würde irgendwann mal fließend Englisch sprechen? Wer hätte gedacht, dass ich mich auf die andere Seite des Atlantiks wagen würde?

Wer hätte gedacht, wie schnell ein Jahr vorbei sein kann? Wie viele wundervolle Erinnerungen, Begegnungen, Entdeckungen passen in 10 Monate? Wie viele Leben kann man leben in 295 Tagen?

Wer hätte gedacht wie sehr eine Entscheidung mein Leben verändern könnte?

Ich selbst hatte mir nichts von alle dem gedacht, als ich mich vor zwei Jahren das aller erste Mal mit dem Gedanken beschäftigte ins Ausland zu gehen.

Es war eine ganz spontane Idee, nicht durchdacht und nicht geplant. Ich wollte einfach mal ausprobieren mich zu bewerben. Der Welt und vor allem mir selbst habe ich das auch erst mal hübsch so eingeredet: "Ich probier das nur aus! Das wird sowieso nichts!"

Im Februar war es so weit: ich wurde von meinen Bundestagsabgeordneten, Viola von Cramon und Dr. Wilhelm Priesmeier, als PPP-Stipendiatin ausgesucht. Alle Welt und ich ganz besonders waren sehr erschrocken von der neuen Perspektive, die sich dort ganz unvorbereitet auftat.

Who would have thought?

Ich hatte mein Ticket in der Hand und auf einmal kam Eins aufs Andere. Für mich fühlte es sich an wie eine unendlich lange Sekunde, bis ich mich am 11. September, meinem 17. Geburtstag, auf einmal, ganz plötzlich und endlich auf der Reise in die USA befand.

Der allererste Flug meines Lebens war viel zu lang, anstrengend und vollkommen schlaffrei. Dafür gab es reichlich Aufregung im Kopf, im Bauch und in sämtlichen Körperteilen, als Folge nervöses Hand- und Fußgezappel.

Irgendwann, nach noch mehr Aufregung und noch mehr Flugzeug, war ich nicht nur in den USA, sondern in San Antonio, Texas gelandet. TEXAS!
Nein, das ich einmal in Texas leben würde, wenn auch nur für 10 Monate, das hätte niemand gedacht!

Und wer hätte gedacht, dass es in Texas nicht nur Cowboys gibt, halbwegs klares Englisch gesprochen wird, und es neben Steak auch noch andere, sogar teilweise fleischfreie Gerichte, auf den Esstisch schaffen?

San Antonio liegt in der Mitte von Texas. Drei bis vier Stunden sind es bis nach Houston und 45 Minuten entfernt von Austin, der Hauptstadt.

Als siebt größte Stadt der Vereinigten Staaten präsentiert sich die Stadt in texanischen Superlativen. Die ersten paar Tage, vielleicht auch Wochen, fühlte ich mich von achtspurigen Highways, 3.2millionen Einwohnern, Mahlzeiten in der Größe eines deutschen Familienmenüs, riesigen Trucks, Teelöffeln mit denen man auch einen Kartoffelacker umgraben könnte, 2500 Mitschülern, und einer Gastfreundschaft, die seines Gleichen sucht, erschlagen. 

Schmetterlinge im Bauch zusammen mit einem flauen Gefühl, Schweiß an den Händen und ständiges, meist überflüssiges Erröten vor dem neuen Umfeld bei Fragen zu mir, Deutschland und dem allgemeinem Sein. Man hätte mich auch für verliebt halten können. Vielleicht war ich sogar ein wenig verknallt, verschossen in's Austauschschüler sein. Das ganze neue, weit weg, mitten drin Gefühl war sehr, sehr aufregend.

Wenn ich heute auf diese Wochen zurück blicke und versuche mich zu erinnern, dann habe ich das Bild eines Farbwirbels vor meinen Augen, bunt und viel zu hektisch, um sich an Einzelheiten zu erinnern.

Wenn das PPP Stipendiat ein Zugticket war, dann huschte das Jahr an mir vorbei als säße ich im Schnellzug von Berlin nach Leipzig, nur nicht mit ganz so viel Schallschutzwand und ohne Zug. Denn den habe ich in den USA kein einziges mal benutzt. Die Klimaanlagen in Texas funktionieren auch wesentlich besser als die im ICE.

Manchmal bleiben Züge auch stehen und man hat die Zeit sich Bilder und Momente einzugravieren. Manchmal will man, dass der Zug schneller fährt und dann zieht man die Jalousien vor'm Fenster runter in der Hoffnung, nichts zu sehen und ein wenig Ruhe zu haben.

Manchmal soll der Zug langsam fahren, denn man will noch nicht ankommen, oder der Augenblick ist zu schön, um jetzt schon zu vergehen.

Manchmal fühlt man sich auch, als wäre es jetzt Zeit den Zug zu verlassen.

Zum Glück haben bei mir die schönen Momente überwogen und die Fahrt hätte auch ruhig noch ein wenig länger dauern können.

Einer der aller wundervollsten und zugleich schlimmsten Tage im ganzen Jahr war mein erster Schultag. Eine riesige Schule, lauter unbekannte Gesichter und eine Sprache derer ich noch nicht mächtig war. Es war aufregend "Die Neue" zu sein, "Die Deutsche"! "Die Austauschschülerin". Labels, mit denen ich mich eigentlich erstmal ganz wohl fühlte.

Allerdings war mir noch nicht bewusst, wie sehr man solche Titel ausfüllen muss, mit den eigenen Werten, Ansichten und dem eigenen Charakter. Schubladen denken kommt einem ganz gelegen wenn man neu ist, aber es wird anstrengend wenn man ein wenig länger verweilen will. 

Mit dieser Einsicht verbunden ist eine zweite sehr schöne Erinnerung. Im November waren alle PPP Stipendiaten dazu aufgerufen an der internationalen Bildungswoche teilzunehmen. Wir sollten in so vielen Vorträgen wie möglich über unser Herkunftsland, sowie über Austauschprogramme, berichten. Ich hielt Vorträge vor den deutsch Klassen, den Soziologie und den Geschichtsklassen. Das Interesse meines Publikums war erstaunlich hoch, meine Mitschüler waren interessiert und ich hatte sehr viel Spaß an der Sache! Es war eine sehr lehrreiche Woche, auch für mich, da ich mich noch einmal ganz anders mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Deutschland auseinandersetzen musste.

Jetzt wo ich wieder zurück bin kann ich sagen, dass der größte Unterschied die Selbstwahrnehmung der Nationen ist. Wir als Deutsche denken sehr viel über unsere Identität nach, was uns hilft, wenn wir auf der Suche nach der richtigen Entscheidung sind, aber im „Sich-Entscheiden“ sind die Amerikaner durch ihr Selbstbewusstsein besser.

Das was mich im Nachhinein an Deutschland wirklich stört ist, dass die Deutschen nicht selten unzufrieden sind und einem das auch zeigen. Gerade wenn es zum Arbeitsplatz kommt, zeigen viele Menschen ihre ehrliche Einstellung. Manchmal sind wir Deutschen zu ehrlich mit einander.

Wirklich gefallen in Deutschland tut mir die Verlässlichkeit, unsere kulturelle Vielfalt und die Möglichkeit der Selbstkritik.

Auf diese Weise hat mich mein Auslandsjahr definitiv näher an mein Herkunftsland gebracht und mich aufmerksam gemacht, sodass ich auch all die schönen Dinge in Deutschland sehen und wertzuschätzen kann.

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, für die amerikanischen Schüler Leute aus anderen Kulturen und auch aus Deutschland kennen zu lernen. Die USA sind viel größer als wir uns das häufig vor Augen führen. In so einem Land kann man viel erleben und es passiert jeden Tag so viele Nennenswertes, dass man mit den Nachrichten nicht nur 15 Minuten Tagesschau füllen könnte. Für den Blick über den Tellerrand bleibt da nur wenig bis gar keine Zeit.

Noch eine der besten Erinnerungen aus meinem Jahr in Amerika waren die vielen Momente mit meiner zweiten Gastfamilie. Kurz vor der Mitte des Jahres musste ich meine Gastfamilie wechseln, weil sich für meine Mutter eine neue Familiensituation ergeben hatte.

Meine zweite Gastfamilie war eine Familie zu der ich schon vorher sehr guten Kontakt hatte. Auch meine zweite Familie hatte keine Kinder, aber diesmal lebte ich zusammen mit Mama, Papa und Oma. Meine Gastmutter war gerade mal 30 Jahr alt, so herrlich verrückt und dabei so wahnsinnig lieb und herzlich! Ich hatte und habe noch immer eine wirklich außergewöhnlich gute und enge Beziehung zu meiner Mom. 

Auch dies ein "Wer hätte das gedacht?" Moment. Denn ich hätte mir nie vorstellen können mit zwei Menschen zusammen zu leben, die keinen Wert auf Ordnung, gesunde Ernährung, oder politische Meinungsbildung legen, sondern denen ihre vier Katzen, gemeinsame Spieleabende, und Zoobesuche wichtiger sind.

Sie waren eine Gastfamilie wie man sie jedem Austauschschüler wünschen würde, mit ganz viel elterlicher Liebe und Lachen.

Das Jahr in Amerika hat vieles bewegt in mir und meinem Leben. Ich möchte noch von einem Ereignis erzählen, dass zwar nicht zu den schönen zählt, aber mich dennoch sehr stark beeinflusst hat. Am 2. April, diesen Frühling, ist meine engste Freundin in Amerika ganz plötzlich und unerwartet gestorben. Raychel stand mir wirklich sehr nahe und hat mein Leben in den Staaten fast vom ersten Tag an begleitet und geprägt. Es war für mich ein unfassbares Ereignis, dass ich dran wachsen konnte verdanke ich der  großartige Unterstützung von AFS und meinen beiden Familien, hier und in Amerika. Ohne die ganze Hilfe, die ich während dieser schweren Zeit von überall her bekam, hätte der Tod meiner Freundin den Rest meines Auslandsjahres wohl überschattet. So allerdings habe ich aus der Situation gelernt mit starker Trauer umzugehen und die Zuversicht nie zu verlieren.

"Verliere Deine Zuversicht nie und bewahre Dir Hoffnung!", so verstehe ich die Nachricht der vielen tausend Einwanderer, die im Laufe der Jahrhunderte nach Amerika kamen. Sie waren auf der Suche nach dem besseren Leben, im Gepäck hatten sie Hoffnung und Zuversicht.

Für mich das Symbol schlecht hin für die Reise auf der Suche nach dem Glück ist die Route 66. Nun hatte ich das Glück, dass ich während meines Austauschjahres gleich zwei mal zur Route 66 geschafft habe.

Im Januar war ich erst in Las Vegas, was man wohl auch als Symbol für die Suche nach dem Glück sehen kann, von Las Vegas allerdings bin ich nach Los Angeles gefahren, wo Route 66 endet am Santa Monica Peer direkt am Pazifik. Im März bekam ich die Chance nach New York, Philadelphia, und Washington DC zu reisen. Mit einer Gruppe von rund 90 Austauschschülern, aus 31 verschiedenen Ländern, besuchten wir die Freiheitsstatue, das Empire State Building, Broadway, Liberty Bell, das ehemalige Anwesen von George Washington, und die Stufen auf denen Martin Luther King seine wohl berühmteste Rede hielt. Route 66 besuchte ich wieder im Mai, als ich mit meiner Gastfamilie Kansas besuchte, was gar nicht weit entfernt vom Ende des berühmten High Ways, in Chicago, liegt.

Die Möglichkeit zu reisen hat mein Austauschjahr in vieler Hinsicht sehr bereichert. Die USA sind so groß und vielseitig, das man sich kaum ein Gesamtbild verschaffen kann, aber ein wenig umher zukommen und mit anderen Personen sprechen zu können verhilft einen zu einem Eindruck des Landes.

Mein Weltbild hat sich durch all die Kontakte die ich in diesem Jahr knüpfen konnte sehr geändert. Wenn ich heute Nachrichten höre und die Bilder von Kämpfen in Ländern wie Libyen sehe, dann geht mir das sehr nahe. Ich kenne Familien in Libyen. Ich kenne Familien im Yemen, in Bangladesch, in Pakistan, in der Ukraine, in Russland, in Süd-Afrika, in Brasilien. Ich könnte diese Liste noch viel weiter führen. Auf einmal scheint die Welt so klein zu sein und Frieden ist nicht mehr ein Wort sondern unermesslich wichtig für dich, denn es sind deine Freunde die darunter leiden, dass es an so vielen Orten dieser Welt keinen Frieden gibt.

Austauschprogramme können Leben verändern, nicht nur die der Austauschschüler. Eine meiner besten Freundinnen in den USA hat sich nach unserer gemeinsamen Zeit dafür entschlossen die Liebe zum Ausland mit ins Studium zu nehmen. Sie studiert jetzt seit diesem Sommer International Studies.

Wenn man mit der deutschen Bahn fährt, dann weiß man nie so richtig wo die Reise hingeht. Manchmal landet man auch in Frankfurt, obwohl man nach Leipzig wollte.

Mein Auslandsjahr war in der Hinsicht genau das; eine Reise mit ungewissem Weg und Ziel.

Denn wer hätte das gedacht?

Alina, 2014 aus Brasilien zurückgekehrt

10 Monate Brasilien

Heute vor einem Jahr hatte ich schon eine gute Woche meines Auslandsjahres hinter mir -- und noch viele Monate vor mir. Schon diese erste Woche war vollgestopft mit Neuem und Aufregendem. Ganz am Anfang natürlich meine Gastfamilie, die mich wie eine eigene Tochteraufgenommen hat und die wirklich super toll war bzw. ist. Mit ihnen zusammen durfte ich einige der schönsten Momente meiner Zeit in Brasilien erleben. Das waren zum Beispiel ganz alltägliche Situationen, abends zusammen Pizza vorbereiten und beim Essen gemeinsam reden, oder sonntags bei Familientreffen, aber auch auf Ausflügen oder im Urlaub am Strand.

Mit meiner Familie habe ich auch ganz viel Portugiesisch gelernt. Als ich nämlich dort ankam, sprach ich fast gar nichts, nur ein paar Standart-Touristen-Phrasen. Schon nach zwei, drei Monaten konnte ich mich dann mit ihnen verständigen, noch nicht perfekt, aber mit Händen und Füßen ging es ganz gut. Dazu hat auch die Schule, bzw. haben meineFreunde in der Schule, viel beigetragen. Wir haben sehr oft in den Pausen die Aussprache geübt, was sehr lustig war und sich bestimmt auch lustig angehört hat.

In meinem Komitee hatte ich sogar Unterricht mit zwei anderen Austauschschülerinnen. Das hat mir auch großen Spaß gemacht. Generell war mein Komitee echt großartig. Nicht nur, was wir Schönes unternommen haben, sondern auch wie wir unterstützt wurden und uns gegenseitig unterstützt haben.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ich den ein oder anderen bald wiedertreffen könnte, denn einige werden demnächst nach Europa kommen, um hier auch ein Auslandjahr zu machen.

Neben all diesen hervorragenden Erfahrungen in meiner Heimatstadt Caxias do Sul hatte ich auch die Möglichkeit, noch mehr Teile Brasiliens kennenzulernen, und zwar durch Reisen mit anderen Austauschschülern. So konnte ich nicht nur das absolut beeindruckende Brasilien besser kennenlernen, sondern auch noch andere Länder.  Man kann sagen, dass ich jetzt Freunde auf der ganzen Welt habe. Natürlich ist der Abschied aus so einer wunderbaren Umwelt nach einer relativ langen und prägenden Zeit ziemlich schwierig. Aber mittlerweilehabe ich mich schon ganz gut wieder eingelebt. Trotzdem trage ich immernoch ein bisschen Brasilien mit mir herum -- und sei es nur in Form der Kette, die meine brasilianische Familie mir zum Abschied geschenkt hat. 

Liebe Grüße, Alina , im August 2014

 

 

Tobias, 2012 aus der Türkei zurückgekehrt

Türkei-Türkiye
Abschlussbericht für die Mercator-Stiftung
Tobias Schrimpf


Meine Freunde fragen mich, wollen alles wissen über mein Jahr im Ausland. Aber was erzählt man von einem Jahr, einem so großen Abschnitt, so vielen Eindrücken und Erlebnissen? Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll; sie haben es nicht selber erlebt, gesehen, gespürt, wie es ist, dort zu leben, wo ich das letzte Jahr verbracht habe. Ich stelle die Frage zurück, frage, was zuhause so passiert ist in diesem Jahr. "Mh, nichts Besonderes.", bekomme ich als Antwort.
In meinem ersten Bericht habe ich von den ersten 3 Monaten erzählt, aber danach, nach Sylvester wurde alles noch viel, viel besser!


Je mehr türkisch ich sprechen und verstehen konnte, desto besser fühlte ich mich und desto weniger müde war ich nach der Schule. Ich wurde vom Austauschschüler, den man rumführte, unterhielt und von dem man vielleicht sogar ein bisschen englisch lernte, zum Freund, mit dem man Witze macht und sogar über Probleme spricht. So hat mir die Schule wirklich viel gebracht. Dabei, mich hineinzufinden und Kontakt zu haben, mit Freunden auch außerhalb der Gastfamilie. Wir gingen essen, wandern, grillen, auf Konzerte, Geburtstagsfeiern, ins Freibad, wir fuhren ans Meer, gingen ins Musikstudio, setzten uns an heißen Tagen in kühle Cafes und tranken Tee und Limonade.


Ich war überrascht, als ich nach ein paar Monaten feststellte, dass ich ein paar wirklich gute Freunde gefunden hatte. Mein bester Freund kann so gut wie kein Englisch, deshalb hatten wir am Anfang keine andere Möglichkeit zu kommunizieren außer dem Fußball spielen. Mit einigen meiner Freunde mit guten Englischkenntnissen, die mir am Anfang geholfen haben, hatte ich zum Ende hin weniger zu tun. In der Schule fühlte ich mich meistens wohl, die Lehrer hatten mich ins Herz geschlossen, fragten mich immer, wie es mir geht, und meine Geschichtslehrerin, Frau Nehir, gab mir sogar einen Seidenschal für meine Mutter mit nach Deutschland. An meiner Schule in Bursa ist mir die enge, freundschaftliche Beziehung zwischen Lehrern und Schülern aufgefallen. Es kommt vor, dass die Schüler für ihren Lieblingslehrer ein Frühstück und ein Geschenk organisieren, und dass eine Lehrerin der ganzen Klasse der
Reihe nach Küsschen auf die Wange gibt, dass ein Lehrer mal einen herumblödelnden Schüler knufft oder mit einem heißen Teelöffel die Hand verbrennt (mein Englischlehrer liebte diese "Practical Jokes"). Das beeinflusste aber nicht wirklich das Verhalten der Schüler im Unterricht, wo die Lehrer manchmal durchaus hart waren, große Strafarbeiten verteilt haben, oder, wenn mal wieder keine Hausaufgaben gemacht worden waren, einen eine ganze
Schulstunde währenden Vortrag hielten, bei dem sie auch immer wieder auf das Universitätsexamen zu sprechen kamen. Das war der Grund, warum meine Klasse in den meisten, für das Examen relevanten Fächern, viel arbeitete. In Freistunden, manchmal sogar in den Pausen, lösten sie die Multiple-Choice Aufgaben in den dicken Büchern aus ihren privaten Nachmittagsschulen. Die Fächer, die meine Mitschüler allerdings nicht für wichtig hielten, wie Französisch, Sport, Musik etc., boykottierten sie regelrecht, und auch die Lehrer, resigniert von Desinteresse der Schüler, unterrichteten ohne Elan.

Auch in meiner Gastfamilie habe ich mich mit der Zeit immer entspannter gefühlt. Besonders mit meinem Gastbruder und Gastvater habe ich viel Zeit verbracht. Für Haluk war ich Tobi Agabey (gespr. Abi- großer Bruder), ich habe viel mit ihm gespielt und versucht, ihn von Computer und Fernseher wegzubewegen. Vor allem in dem letzten Monat, in dem wir eine Woche zusammen ohne Eltern im Ferienhaus der Großeltern an der Ägäisküste waren, wurden wir noch mehr zu Brüdern. Auch für mich war es eine wunderbare Erfahrung, einen kleineren Bruder zu haben, Vorbild zu sein und auch mehr Verantwortung zu tragen. Zum Beispiel als ich ihn eines Tages mitnahm in die Innenstadt, zum ersten Mal nur wir zwei. Ich hatte ihm das versprochen gehabt, und entgegen der Befürchtungen meiner Gasteltern hat er nicht gequengelt und blieb immer an meiner Hand. Oh, wie ich Haluk vermisse!


Ich werde nie die Abende vergessen, an denen ich mit meinem Gastvater auf dem Balkon saß, wir uns über Politik, Geschichte, Fußball, Mädchen und vieles anderes unterhielten. Bei viel Tee, manchmal ein bisschen Raki, haben wir viel geredet, ich habe Türkisch gelernt, und mein Gastvater hatte endlich jemanden, der nicht direkt das Thema wechselte wie meine Gastmutter, wenn Atilla (mein Gastvater) auf Politik zu sprechen kam. Ich bin sehr froh darüber, dass Atilla soviel Zeit mit mir verbracht hat. Am Anfang musste er jeden Satz 3-mal sagen, bis ich ihn verstand, aber das machte ihm nichts aus. Jedes noch so komplizierte Wort hatte er irgendwann auf Umwegen erklärt. Aber nicht immer war ich einer Meinung mit meinem Gastvater, auch nicht mit meinem Gastopa oder -onkel. Zu Anfang sehr, zum Ende hin teilweise immer noch, erfüllten mich ihre Ideen, von denen sie versuchten, mich zu überzeugen oder zumindest sie mir näher zu bringen, mit einem unguten Gefühl. An manche Dinge werde ich mich niemals gewöhnen und will das auch gar nicht. Der unkritische Nationalstolz, Verehrung des Militärs, Vorurteile gegenüber ganzen Völkern, Religionszugehörigkeiten, Staaten ("die" Kurden, "die" Juden, etc.). So gut ich konnte habe ich versucht, meinen Standpunkt zu vertreten, aber bin meist auf taube Ohren gestoßen. Mein Gastbruder im einwöchigen Kurzaustausch in Adapasari war entsetzt, als ich sagte, ich wäre nicht stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Er erzählte mir, wie ich es schon öfter in der Türkei gehört hatte, dass ja nicht alles an Hitler schlecht gewesen sei, er ein begnadeter Feldherr gewesen sei, und dass er (mein Gastbruder) selbstverständlich (wie meine Gastfamilie in Bursa auch) Hitlers Buch ‚Mein Kampf’ gelesen habe. Ihm und den meisten anderen Türken, mit denen ich sprach, wollte es einfach nicht einleuchten, dass ich nicht stolz sein kann auf meine Nationalität; aber wie kann man auf etwas stolz sein, das nur Zufall ist? Auch wurde ich manchmal schräg angeguckt, als ich sagte, dass ich nicht zum Militärdienst gehen würde. Ein türkischer junger Mann, der noch nicht beim Militärdienst war, gilt als Weichei und bekommt mit großer Wahrscheinlichkeit keine Frau.


Meine Urlaube waren sehr schön und bleiben mir zumindest als Fotos ein Stück weit erhalten. Was man auf den Fotos höchstens erahnen kann, ist der Duft der Orangen aus dem Garten in Manavgat, nicht weit von Antalya, wo ich im Februar eine Woche mit einer befreundeten AFSerin und ihrer Gastfamilie bei deren Verwandten gelebt habe. Während es in Bursa noch Winter war, waren wir in Antalya schwimmen und haben Orangen gepflückt. Die Oma hat Yufka und anderes Fladenbrot gemacht, mit Spinat, Käse und viel Olivenöl, es gab massig frischen Salat, und die ganze Großfamilie saß in der Diele um einen flachen Tisch herum auf dem Boden. In dieser Woche hatte ich das Glück, die ländliche Seite der Türkei kennen zu lernen, aber auch die unzähligen Sehenswürdigkeiten und antiken Städte dort in der Region zu besuchen..

Auch mein Urlaub im Sommerhaus der Großeltern war herrlich. Ich habe viel mit der Oma geredet, sie hat von ihrer Jugend in Bursa erzählt, genauso wie der Opa, der mir erzählte, wie er als Junge mit seinen Freunden am Ufer des Marmarameeres gesessen, Fische gegrillt und Raki getrunken hat, und Lieder für die schönen, reichen Mädchen auf den Balkonen gesungen hat. Von der Oma habe ich ein paar Rezepte gelernt, die ich schon für meine Familie in
Deutschland gekocht habe. Es war nicht ganz das gleiche, aber alle waren begeistert!


Mit meiner Gastmutter und meinem Gastbruder war ich im April an einem langen Wochenende in Istanbul, der Stadt aller Städte. Ich hatte Glück, denn meine Gasttante ist Touristenführerin und hat uns drei durch Istanbul geführt. Von der Hagia Sofia zum Topkapi Palast, vom großen Basar zum Taksim (die große Einkaufsstraße). Ich habe mir überlegt, vielleicht nach der Schule ein oder zwei Semester lang dort zu studieren. Vor allem, da die meisten meiner Schulfreunde aus Bursa auch dort sein werden.


Wenn ich im Gespräch mit einem Türken in Deutschland gefragt werde, ob ich Türke bin, zögere ich kurz, überlege, was ich antworten soll. Bin ich Türke? Ein bisschen schon, ein bisschen hat sich festgesetzt in mir, hat mich verändert und ist das, was ich im Gepäck mit zurück nach Hause gebracht habe. Die Offenheit vieler Türken hat mir gut gefallen. Oft wurde ich in der Bahn oder im Bus gefragt wo ich herkäme, ob ich studieren würde in der Türkei, ob ich türkische Verwandte hätte. Wenn ich in Deutschland auf der Straße einen offensichtlich ausländischen Menschen sehe, traue ich mich gar nicht zu fragen, wo er herkommt, aus Angst, unhöflich zu sein. Ich habe das in der Türkei gar nicht so empfunden, sondern fand es schön, mit den Menschen ins
Gespräch zu kommen und ihr Interesse zu spüren.


Auch die Gastfreundschaft in der Türkei bewundere ich. Schon nach kurzem Gespräch wird man zum Tee eingeladen, gefragt, ob es gut geht, man die Türkei mag und Hilfe wird angeboten. Auf der Suche nach einem mir empfohlenen Kochbuch klapperte ich Buchläden ab. Ein Buchhändler, mit dem ich in seinem winzigen Laden 2 Stunden lang über Gott und die Welt geredet hatte, lud mich und meine Familie zu sich ein. Erst vor 2 Wochen hatte er eine Gruppe japanischer Touristen bei sich untergebracht, die kein Hotel gefunden hatten. Ich bedankte mich, ging -und hatte kein einziges Buch gekauft.


Meine Gastmutter hatte, kurz bevor ich gekommen bin, ihren Job gekündigt und war so die meiste Zeit zuhause. Das war gut, so konnte sie mir in der ersten Zeit viel helfen, hat mir die Stadt gezeigt, und ich war selten allein zuhause. Im Gegensatz zu meinem Gastvater, der nur türkisch spricht, beherrscht meine Gastmutter außerdem englisch und französisch. So konnten wir am Anfang schon über alles reden, und es gab keine Missverständnisse. Auch wenn meine Gastmutter fürs Kochen, Wäsche waschen und Bügeln gesorgt hat, hatte ich nie wirklich das Gefühl, dass die Rollenverteilung bei meinen Gasteltern ungerecht gewesen wäre. Ich habe meine Gastmutter als eine meist kühle und manchmal harte Frau kennen gelernt, vielleicht auch deshalb fühle ich mich meinem Gastvater enger verbunden. Einmal habe ich mich mit meiner Gastmutter darüber unterhalten, und sie meinte: "Ja, wir sind gleichberechtigt, aber ich muss immer dafür kämpfen, das macht müde."


In anderen Familien allerdings sind mir die Rollenunterschiede stärker aufgefallen. Als ich zu Besuch bei dem Onkel meines Gastvaters war, haben wir uns über dieses Thema unterhalten. Während seine Frau uns fortwährend Tee und selbst gemachte Süßigkeiten servierte, erklärte der Onkel mir, dass sie das täte, weil sie ihn so liebe. Sie lächelte und nickte.Öfters habe ich mich in solchen Situationen schlecht gefühlt. Als ich meiner Gastoma zur Hand ginge, witzelte mein Gastvater, ich wäre das Mädchen des Hauses. 

Auch mit Religion habe ich mich viel beschäftigt in meinem Auslandsjahr. Vor der Türkeireise wurde mir gesagt, ich sollte lieber nicht sagen, dass ich Atheist bin, zu groß sei das Unverständnis dafür. Meine Schulfreunde hatten damit nicht wirklich ein Problem, manche haben mir im Geheimen gesagt, dass sie ein bisschen ähnlich denken würden. Auch meine Gastfamilie war bei diesem Thema sehr entspannt, zwar waren sie gläubige Moslems, aber weder trug meine Gastmutter Kopftuch, noch gingen sie zur Moschee. Auch das wäre für mich kein Problem gewesen, aber wir haben im Allgemeinen, wenn ich es nicht angeregt habe, sehr wenig über Religion geredet. Auf meinen Wunsch hin ist mein Gastvater mit mir zur Ulu Cami gegangen, der größten Moschee in Bursa und hat mir alles gezeigt. Ich habe es sehr interessant gefunden, alles beobachtet und auch ein paar Fotos gemacht.


In Antalya, im Urlaub, wurden uns die Predigten, die der dortige Onkel meinen Freunden und mir hielt, schon bald ein bisschen zu aufdringlich. Uns gefiel es nicht, das Gefühl zu haben, missioniert zu werden. Er schenkte uns die englische Übersetzung des Korans und ein paar andere Bücher zum Thema. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, kommt es mir etwas lächerlich vor, dass ich mich damals so komisch gefühlt habe: Schließlich ist es ja nur allein meine Entscheidung, was ich damit mache. 


Ich glaube, ich habe gelernt, einfach erstmal zuzuhören, alles auf mich wirken zu lassen und dann die für mich richtigen Entscheidungen zu fällen. Inzwischen ist alles schon ein bisschen in die Ferne gerückt, aber ich werde nie meine
Freunde vergessen, die ich in diesem tollen Jahr kennen gelernt habe. Wenn ich jetzt an die Türkei denke, habe ich ein paar Bilder vor Augen, ein paar Gerüche, ein paar Gesichter. Und das wird auch so bleiben, denn inzwischen ist die Türkei für mich nicht mehr nur irgendein Land. Es ist ein Teil von mir.Dafür möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei der Mercator-Stiftung und AFS bedanken, sie haben mir ein wunderbares Auslandsjahr ermöglicht!


Tobias Schrimpf